Pilzmikroskopie: Täublinge

Bild 1: Frische blasige Zellen im Stielfleisch von Russula vesca
Bonn, der 12.06.2025
Die Täublinge (Russula) gehören mit zu den artenreichsten Gattungen unter den Ständerpilzen und ihre Bestimmung ist nicht ganz einfach. Die Pilzsach- verständigen Eva Wandelt und Lothar Claußnitzer haben uns in Theorie und Praxis in die Bestimmung eingeführt. Hier die Informationen zu dem wunderbaren Abend.
Die Ständerpilzgattung Täublinge (Russula) zählt mit weltweit 750 Arten und in Mitteleuropa mit ca. 200 Arten zu einer der artenreichsten Ständerpilz-Gattungen. Zusammen mit den Milchlingen (Lactarius und Lactifluus) gehören sie zur Familie der Täublingsverwandten (Russulaceae), die sich durch brüchiges Fleisch („knackt beim Brechen wie Apfelfleisch oder Styropor“), bedingt durch kugelig-blasiger Zellen (Sphaerozysten) (Bild 1) anstelle langgestreckter Hyphen in Hut-, Stielfleisch und bei Russula auch in der Lamellen-Trama auszeichnen. Dazu kommt helles Sporenpulver (Farbtabelle I a, weiß, bis IVe, (orange). Im Hutfleisch mild schmeckende Täublingsarten sind essbar und beliebte Speisepilze, da der einfache Geschmackstest ausreicht, um zwischen essbar (mild) und ungenießbar (scharf oder bitter) zu unterscheiden. Tödlich giftige Täublinge gibt es nicht. Die Artbestimmung stellt allerdings eine besondere Herausforderung dar, da sich viele Täublinge sehr ähnlich sehen. Die oft in kräftigen Hutfarben leuchtenden Fruchtkörper der Fruchtkörper sind kein zuverlässiges Bestimmungsmerkmal. Neben Sporenpulverfarbe, Mykorrhizapartnern, Bodenparametern, Geruch und einigen makrochemischen Bestimmungshilfen, wie die Definition von Fleisch-, Lamellen-, Stiel-Farbreaktionen mit z.B. Guajak, Eisen-Sulfat, Phenol, ist bei den meisten Russulae die Betrachtung mikroskopischer Merkmale unerlässlich.
Das sind:
- Betrachtung der Sporen (Form, Größe, Ornament)
- Betrachtung der Zelltypen der Hutdeckschicht
nämlich
a) der sogenannten Haare,
b) der sterilen Huthautstabilisator-Zellen, der sogenannten Dermatozystiden (auch Pileozystiden) und
c) der Feststellung von sogenannten inkrustierten Primordialhyphen, die wohl noch aus der initialen Fruchtkörperbildung aus dem Primordialknoten stammen und an ihren säureresistenten, inkrustierten Kristallen in ihren Zellwänden erkennbar werden und für eine ganze Reihe von meist milden,Täublingen mit eher gelblicher, dunklerer Sporenpulverfarbe kennzeichnend sind. Selten tragen auch Dermatozystiden Kristalle. (Eine Untersuchung der sterilen Zellen an den Lamellenschneiden (Cheilozystiden) oder an den Lamellenseiten (Pleurozystiden) ist nicht besonders bestimmungsrelevant, da sie sich alle sehr ähneln.)
Diesen Mikromerkmalen wollten wir uns annähern und orientieren uns an den Methoden, die der belgische Mykologe Marcel Lecomte in seiner 2024 veröffentlichten, englischen Version : Microscopy & Fungi vorstellt. Außerdem war ein Vergleich mit den Mikrobestimmungsmethoden eines der führenden, deutschen Russula-Spezialisten, Felix Hampe, möglich, der uns seine Methoden zur Verfügung gestellt hat. Um es gleich zusammenfassend zu sagen: die Methoden ähneln sich stark, oder sind sogar identisch, in der praktischen Anwendung sind die Rezepte von Felix Hampe am besten geeignet für eine schnelle Bestimmung. Marcel Lecomte stellt dafür mehrere Methoden vor und auch solche, die zur Erstellung von Dauerpräparaten geeignet sind. Die werden heute, bei der guten Qualität von digitalen (gestackten) Mikrobildern immer seltener angefertigt. Wir sind deshalb in den kurzen Bonner-Mikroskopiker-Stunden am 12.06.2025 weitgehend den Anleitungen von Felix Hampe gefolgt.
Eigentlich wollten wir so anfangen: (Bild 2)

Bild 2: Frischer Brauner Ledertäubling (Russula integra)
Aber frische Fruchtkörper waren außer einem völlig von Schnecken ruinierten Speisetäubling (Russula vesca) aufgrund des trockenen Frühjahrs nicht zu finden. So mussten wir mit Exsikkaten (Bild 3) klarkommen. Die Anfärbungen sind oft weniger brilliant und die in Wasser gequollenen Pilzhyphen sind oft weniger turgeszent; die Hyphenzellen sind eben schon lange tot. Manche quellen Trockenmaterial auch in Kalilauge oder in Ammoniak, wovon wir abraten, da die chemischen Veränderungen in den Zellen nicht kontrollierbar sind und vielleicht auch Zellstrukturen auflösen.

Bild 3: Getrockneter Brauner Ledertäubling (Russula integra)
Russula Sporen
Reife Russula-Sporen (aus einem Sporenabwurf) sind zwischen ca.6 und 12 ym lang und können fast rund bis langellipsoid geformt sein. Sie verändern ihre Größe auch im Trockenmaterial wohl nicht. Beim Mikroskopieren macht man sich übereinstimmend durch die gesammelte Expertenliteratur die Amyloidität der arteigenen Ornamentierung aller Russulasporen zunutze, die mit jodhaltiger Melzer's Reagenz tiefviolett-dunkelblau-schwarz anfärbbar sind, da das Ornament stärkeähnliche Polysaccharide enthält. Die Zellwände von Pilzhyphen bestehen vornehmlich aus den so nicht anfärbbarem Polysacchariden Chitin und Glucanen. (Melzer's Reagenz ist in diversen Mykoshops käuflich zu erwerben und sollte nach 1-2 Jahren Verwendung erneuert werden, Rezepte zur Selbstherstellung gibt es im Internet). Die Sporen werden bei voll geöffneter Apertur mit 100er-Objektiv in Immersionsöl angeschaut:
- Länge messen vom Apiculus aus, aber ohne diesen und die Ornamenthöhe mitzumessen, bis zur gegenüberliegenden Seite, Breite messen im 90° Winkel dazu in µm.
- Die Höhe des Ornament wird gesondert gemessen von kaum merklichen 0,1µm bis 2 µm ist alles drin.
- Die Ornamentierung von Russulasporen ist sehr vielgestaltig und artspezifisch. Dazu 4. Abb.: Gezeichnete Sporen von J.Schäffer, 1952, in: Michael, Hennig, Kreisel: Handbuch für Pilzfreunde, 1983, S.88 f. Hier nur einige beschreibende Begriffe für das Ornament: isolierte, spitze, kegelige uuu.Warzen, Stacheln, vernetzte Warzen, Grate, die verbunden sein können oder zebriert uuu. Marcel Lecomte zeigt in seinem Pilzmikroskopie-Buch auf den Seiten 31 – 33 eindrucksvoll, dass die Sporenzeichnungen aller renommierten Russula-Experten, von Basso über Kränzlin bis Marxmüller oft nur begrenzt etwas mit dem, was im Mikroskop zu sehen ist, zu tun haben. Er schlägt deshalb für künftige Vergleichs-Abbildungen digitale (gestackte) Mikrobilder vor. Eine interessante Diskussion entwickelte sich darüber, ob man einen evolutiven Trend in der Ausbildung der Sporenornamentierung von Russula beobachten könne, gattungsintern, wie auch im sonstigen Basidiomyceten-bereich. Wozu ist das stärkehaltige Ornament gut? Sporenverbreitung durch Insektenfraß? Bessere Hafteigenschaften an potentiellen Verbreitern? Energiebooster bei der Sporenkeimung? Vielleicht weiß Felix Hampe Rat.

Bild 4: Gezeichnete Sporen von J.Schäffer, 1952, in: Michael, Hennig, Kreisel: Handbuch für Pilzfreunde, 1983, S.88 f.
Wir haben uns in Melzer's Reagenz Sporen von Russula integra aus unserem Exsikkat angeschaut mit den vorhandenen Mikroskopen allerdings nur 630-fach trocken. (Bilder 5 und 6: eigene Präparate von Eva Wandelt). Die Sporen von Russula integra (var. integra) sind lang, um die 10 µm, (genauer 8,0-10,6 x 6,9-8,7 µm) Ornament isoliert-warzig, z.T. zugespitzt, z.T.abgerundet kegelig, bis 1,5 µm vorstehend.
Da wir gerne ein gratiges Ornament zeigen wollten, aber kein Exsikkat der mitgebrachten Russulae damit dienen konnte, wurden Sporen der verwandten Gattung Lactarius verwendet, nämlich von Lactarius spinosulus (Schüppchenmilchling), der ein deutlich zebriertes (zebrastreifenähnliches), gratiges Ornament hat. (Bilder 7 und 8)
Weitere Sporen, die wir angesehen haben von Russula parazurea (Blaugrüner Reiftäubling), Russula claroflava (Gelber Graustieltäubling) und Russula caerulea (Buckeltäubling), zeigen mehr oder weniger vernetzte Warzen, wie übrigens die meisten Sporen von Täublingen, die also allein aufgrund ihres Sporenornamentes nicht einfach einer Art zugeordnet werden können.
Bilder 5 bis 8: Russula Sporen
Russula Hutdeckschicht
Bild 9 zeigt die oben erwähnten Huthaut-Zelltypen und die Vielgestaltigkeit ihres Aussehens. Meist reicht zur Identifizierung ein 40er-Objektiv aus, bei inkrustierten Primordialhyphen ist auch ein 100er-Objektiv in Immersionsöl angebracht.

Bild 9: Russula-Huthaut nach Seibt 1986 aus Hampe Dost 2010
Diesen Mikromerkmalen wollten wir uns annähern und orientieren uns an den Methoden, die der belgische Mykologe Marcel Lecomte in seiner 2024 veröffentlichten, englischen Version : Microscopy & Fungi vorstellt. Außerdem war ein Vergleich mit den Mikrobestimmungsmethoden eines der führenden, deutschen Russula-Spezialisten, Felix Hampe, möglich, der uns seine Methoden zur Verfügung gestellt hat. Um es gleich zusammenfassend zu sagen: die Methoden ähneln sich stark, oder sind sogar identisch, in der praktischen Anwendung sind die Rezepte von Felix Hampe am besten geeignet für eine schnelle Bestimmung. Marcel Lecomte stellt dafür mehrere Methoden vor und auch solche, die zur Erstellung von Dauerpräparaten geeignet sind. Die werden heute, bei der guten Qualität von digitalen (gestackten) Mikrobildern immer seltener angefertigt. Wir sind deshalb in den kurzen Bonner-Mikroskopiker-Stunden am 12.06.2025 weitgehend den Anleitungen von Felix Hampe gefolgt.
- Arbeiten mit Kongo-SDS
Eine vielleicht 2x2 mm große (das ist schon riesig-groß) Skalpscheibe der obersten Hutschichten aus dem ersten Drittel des Hutzentrums des Exsikkats braucht nur eine kurze (bei uns ½ Stunde) Quellzeit in Wasser. Dann gut von innen nach außen (vorsichtig) quetschen auf dem Objektträger mit Deckglas. Normalerweise schaut man sich jedes Präparat zuerst in Wasser an. Aufgrund der Kürze der Zeit haben wir ein Scheibchen gleich in den Azofarbstoff Kongo-SDS, eingelegt.(Vorsicht bei Azofarbstoffen, giftig! Nicht für Lebensmittel oder Textilien zugelassen, Kontakt mit den Fingern vermeiden). Trotz bestehender Gesundheitsgefahren hat sich dieser rote Direktfarbstoff in der Mykologie zum meistverwendeten Hyphenwandfärbemittel gemausert. SDS steht für das Detergenz Sodium-Dodecyl-Sulfat, löst fetthaltige Zellwand-bestandteile an und verstärkt die Färbung mit Kongo. Kongo sollte jährlich erneuert werden. Marcel Lecomte erwähnt auch den Gebrauch von Kongo-H2O oder Kongo-NH3, auch Felix Hampe arbeitet damit. Wir bleiben bei Kongo-SDS. Überschüssiges Färbemittel mit Wasser abziehen. Im Kongo-Präparat sind deutlich 2 verschiedene Zelltypen zu unterscheiden: Haare (Bild 10), oft septiert aus meist mehreren schmalen, optisch leeren Hyphenzellen bestehend, manchmal mit markanter Endzelle, z.B. bei Russula vesca (Speise-Täubling) und dem verwandten Grünen Speise-Täubling (Russula heterophylla) (Bild 11) mit langen zugespitzten Endzellen, sogenannten Crins, die Felix bei Russula vesca gefunden hat, und große (oft weit länger als die einzelnen Haar-Elemente, und im Schnitt mit 6-10 µm auch deutlich breiter als diese mit „flittrigem“ Inhalt: die Dermatozystiden (auch Bild 10). Primordialhyphen lassen sich in Kongo schwer von Haaren unterscheiden.
- Arbeiten mit Sulfovanillin
Um Dermatozystiden deutlicher sichtbar zu machen verwendet Marcel Lecomte das fertig käufliche Sulfobenzaldehyd (SBA) offenbar am liebsten, wir folgen Felix Hampe (Bild 12.), der Sulfovanillin (SV) vor jedem Gebrauch frisch herstellt, indem er festes Vanillin-Pulver in 70%ige Schwefelsäure einrührt. Das hat die Bonner Mikroskopiker geschockt, denn 70%-Schwefelsäure wird gemeinhin nicht an Privatpersonen abgegeben. Ob Verwendung von SV oder von SBA: sofort heben sich die Dermatozystiden dunkelblau-grau bei SV, grau bis schwärzlich bei SBA vom undifferenzierten Haarhintergrund der Huthaut ab. (Bild 13 und 14). Bei eingeweichtem Trockenmaterial war der Kontrast mit SV nicht so intensiv
- Arbeiten mit Karbolfuchsin
Primordialhyphen in der Huthaut von Russula nachzuweisen, also Zellen mit säureresistentem Kristallbesatz erfordert etwas mehr Aufwand, für den wir am Schluss nicht mehr ausreichend Zeit hatten, um gute Ergebnisse mit dem Trockenmaterial zu erzielen. Es gelingt einfach auch nicht mit jedem Präparat.
Marcel Lecomte diskutiert 3 Techniken zum Nachweis, die alle mit dem Farbstoff Fuchsin, entweder mit dem reinen Farbstoff, er spricht von Ziehl's Fuchsin, oder mit Karbolfuchsin (Stammlösung 5% Fuchsin Basic in 96% Alkohol, das dann eingemischt wird in phenolisiertes Wasser). Fertiges Karbolfuchsin ist käuflich und lange Jahre haltbar. Auf den Seiten 180-182 diskutiert er Blum's Direct Method als zu wenig kontrastreich und nur für Frischmaterial geeignet, favorisiert Clémencon's aufwendigere Differential Method für ihre brillianten und kontrastreichen Ergebnisse und auch wegen ihrer guten Eignung für Trockenmaterial. Von Melzer's Differential Method hält er am wenigsten: zu aggressiv, zu schnelle Reaktion führe zu teigähnlichen Farbansammlungen.
Wir haben uns die Methode von Felix Hampe zu eigen gemacht, die Melzer's Differential Method am ähnlichsten ist, aber die Verweildauer des Objekts im jeweiligen Medium verkürzt und letztlich in Wasser überführt. (Bild 15). Wir finden die Ergebnisse überzeugend.
Felix Hampe's Methode haben wir an Russula claroflava-Huthaut und an Russula caerulea-Huthaut ausprobiert, haben aber in unseren Präparaten keine Primordialhyphen gefunden, obwohl beide Arten bekanntermaßen derartige Huthautzellen besitzen, wie es Eva Wandelt in der Vorbereitung an Russula claroflava zeigen konnte. (Bild 16). Woraus bestehen eigentlich die Kristalle der inkrustierten Primordialhyphen?, fragt das Mikroskopische Kollegium Bonn.
Bilder 10 bis 16: Russula Huthaut
Nur Zeit für Erwähnung blieb für einen der seltenen Fälle von kristallbesetzten Pileozystiden bei Russula integra und auch für laut Marcel Lecomte (zu) wenig benutzte Färbemittel für die behandelten Mikromerkmale und diverse weitere Zellstrukturen der Gattung Russula mit z.B. Kresylblau.
Wir danken Felix Hampe, dass er uns seine prima Anleitungen zur Verfügung gestellt hat.
Alle Fotos und Abbildungen sind erstellt von Eva Wandelt und Lothar Claußnitzer, soweit nicht anders erwähnt.
Dank
Vielen Dank an unsere beiden Referenten Eva Wandelt und Lothar Claußnitz für den sehr informativen und kurzweiligen Abend rund um die Bestimmung von Täublingen unter dem Mikroskop sowie den Artikel hier!